Alina Strzempa
University of Regensburg
https://doi.org/10.53656/for2025-06-09
Am 20. und 21.03.2025 fand an der Universität Wien ein Workshop unter dem Titel „Quo Vadis, Ukrainian Studies?“ statt. Diese Veranstaltung war Teil einer Reihe von wissenschaftlichen Arbeitstreffen und Fachtagungen, die im Rahmen eines mehrjährigen ukrainistischen Verbundprojekts verortet sind. Dabei handelt es sich um das Projekt (Un)Disciplined: Pluralizing Ukrainian Studies – Understanding the War in Ukraine, kurz UNDIPUS, welches an den Universitäten in Greifswald, Regensburg und Gießen angesiedelt ist. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und setzt sich zum Ziel, die gegenwärtige Ukraine und ihre Gesellschaftsstrukturen aus unterschiedlichen Blickwinkeln kritisch zu evaluieren. Ein dezidiert pluralistischer Ansatz fokussiert multiple Sichtweisen auf das Land und seine Nachbarn, wobei Themen wie Kulturgeschichte und ihre literarische Verarbeitung, das mehrsprachige Erbe des Landes und soziologische Strömungen einen Schwerpunkt bilden. Ziel des Projektes ist es, diese Themenpalette in den Kontext der verheerenden Kriegshandlungen einzuordnen und zu hinterfragen, welche Wichtung ihnen unter den gegenwärtigen Bedingungen beigemessen wird. Die daraus resultierenden komplexen Fragen und Thesen werden auf regelmäßigen Arbeitstreffen, Workshops und Tagungen vorgestellt und diskutiert. Diese Veranstaltungen werden stets in einem internationalen Format an verschiedenen europäischen Universitäten durchgeführt. So wurde die Auftakttagung 2022 in Greifswald organisiert, im Jahr 2023 fand eine Fachtagung in St. Gallen in der Schweiz statt und 2024 in Luxemburg (vgl. dazu u.a. die Tagungsberichte von Henzelmann 2023 und Henzelmann 2024). Bislang wurden vielfältige thematische Studien vorgelegt, die die Ergebnisse des Projekts dokumentieren (vgl. Plakhotnik 2022, Henzelmann 2025, Plakhotnik, Mayerchyk 2025 u.a.).
Die diesjährige Veranstaltung wurde vom Institut für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien ausgetragen. Zu Beginn wurden Grußworte vom Kulturwissenschaftler und Mitorganisator Roman Dubasevych (Greifswald) und vom Gastgeber Börries Kuzmany (Wien) an die Anwesenden gerichtet. Kuzmany ist auf die neuere Geschichte Zentral- und Osteuropas und der Habsburgermonarchie spezialisiert und am Institut für Osteuropäische Geschichte tätig. Weitere Spezialisten auf dem Gebiet der Ukrainistik wohnten dem Auftakt bei und stellten kurz ihre Forschungsfelder vor. Zu erwähnen sind unter anderem der schweizerische Historiker Andreas Kappeler, die österreichischen Historiker Christoph Augustynowicz und Matthias Kaltenbrunner, der Theologe Thomas Németh (Wien) und der Sprachwissenschaftler Michael Moser (Wien). Darüber hinaus gaben die Soziologin Olga Plakhotnik (Greifswald) und die Literaturwissenschaftlerin Alina Strzempa (Regensburg) eine umfassende Einführung in ihre Arbeit am laufenden UNDIPUS-Projekt. Auf der Grundlage der vielfältigen Themenbereiche der Beteiligten konnten anschließend anregende Diskussionen in Kleingruppen stattfinden, die inspirierend für die nachfolgenden Vorträge waren.
Im ersten Redebeitrag sprach Oleksandr Zabirko (Regensburg) über die Frage der Rolle des Donbas in der ukrainischen und der russischen Literatur vor 1917. Er demonstrierte an einigen Beispielen, dass Kurzgeschichten und Novellen regionale Besonderheiten aufgreifen und literarisch verarbeiten. Es ist interessant zu beobachten, das in einigen Texten auch auf sprachliche Feinheiten rekurriert wird. Im zweiten Beitrag thematisierte Martin Henzelmann (Greifswald) die dezidierte Mehrsprachigkeit beidseits der moldauisch-ukrainischen Grenze. Konkret ging es um den Budschak, der das südliche Drittel der historischen Region Bessarabien bildet und heute zwischen der Republik Moldau und der Ukraine aufgeteilt ist. Unter Einbezug aktueller Erhebungen und Gesetzesnovellierungen wurde gezeigt, welche Dynamik die Sprachenfrage in diesen beiden Staaten nach sich zieht. Dem folgten die Ausführungen von Roman Dubasevych (Greifswald), der die gegenwärtigen Kriegshandlungen in der Ukraine als Folge eines Zusammenpralls extrem unterschiedlicher Ansichten bewertete. So wurden Fragen der Zivilgesellschaft und unterschiedliche Debatten, die rund um die Kriegssituation konstruiert wurden, pluralistisch interpretiert. Vor allem das Thema „Maskulinität“ findet in Politik, Film, Kunst und Literatur seinen Widerhall, und die damit verbundenen Handlungsstrategien werden in gegenwärtige Diskurse konsequent eingeflochten.
Anschließend äußerte sich Martin Rohde (Wien) zu der Thematik, wie eine heterogene Geschichtsvermittlung sinnvoll konzipiert werden kann. Der Ukraine kommt in Europa eine Sonderrolle zu, deren Spezifika aus einer philosophischen und aus einer praktischen Perspektive heraus verarbeiten werden können. Er stellte zur Diskussion, ob dafür der Begriffsapparat der „Dezentralisierung“ oder der „Dekolonialisierung“ abgelegt oder zumindest gänzlich neu verhandelt werden müsste und gab zudem Einblicke in seine Archivarbeit. Dem schloss sich das Referat von Hannah Steckelberg (Wien) an, die die ersten Problemabrisse und Befunde ihres Dissertationsvorhabens vorstellte. Sie beleuchtete die Ereignisse in den Jahren 1917 bis 1922 in der Ukraine. In den Ausführungen wurde betont, dass das Verhältnis zwischen urbanen und ruralen Strukturen in diesen unruhigen Zeiten im Land einer grundlegenden Aufarbeitung bedarf, die nicht ohne Archivstudien möglich sein wird. Sofie Rosé (Odense) thematisierte danach die Stigmatisierung, die Kriegsverweigerer und Deserteure erfahren. So sind bis heute über eine Millionen Männer aus der Ukraine geflohen, um nicht an die Front eingezogen zu werden. Sie müssen sich unter anderem der Anschuldigung ausgesetzt sehen, ihr Land nicht mit der Waffe in der Hand zu verteidigen, was eine gesellschaftliche Erwartungshaltung ist. Diese Problematik wird in der Ukraine noch lange eine Rolle spielen.
Nach umfassenden Diskussionen und einem ertragreichen Austausch wurde am Abend von der Österreichisch-Ukrainischen Gesellschaft im Alten Rathaus in Wien eine musikalische und literarische Veranstaltung organisiert. Sie war dem Leben und Wirken des ukrainischen Lyrikers Taras Ševčenko gewidmet.
Schließlich ist festzuhalten, dass die Tagung den Austausch zwischen mehrdimensionalen Perspektiven auf die Ukraine nachhaltig inspirierte. Aus unterschiedlichen geopolitischen, literaturwissenschaftlichen, kulturhistorischen, sprachwissenschaftlichen und soziologischen Blickwinkeln heraus wurden die gegenwärtigen Ereignisse reflektiert und einer betont kritischen Analyse zugeführt. Es bleibt zu hoffen, dass die hervorragende Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Institutionen und Personen künftig noch weiter ausgebaut werden kann und dass auf diese Weise neue Aktivitäten im Bereich der interdisziplinären Erforschung der Ukrainistik befördert werden.
Благодарности на немски!?
Das Projekt (Un)Disciplined: Pluralizing Ukrainian Studies – Understanding the War in Ukraine (UNDIPUS) wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Es wird an den Universitäten in Greifswald, Regensburg und Gießen realisiert.
Literatur
Henzelmann, M., 2023. Kick-off Workshop des BMBF-Projekts (Un)Disciplined: Pluralizing Ukrainian Studies in Times of War (UNDIPUS) vom 06. bis 07. Mai 2022 an der Universität Greifswald. Zeitschrift für Slawistik, vol. 68, no. 1, pp. 166 – 171.
Henzelmann, M., 2024. Ukrainian Studies Across the Borders, Université du Luxembourg, 26. bis 27. März 2024. Zeitschrift für Slawistik, vol. 69, no. 3, pp. 604 – 606.
Henzelmann, M., 2025. The Language Issue in Ukraine: Legal and Educational Challenges in the Budjak Region. Foreign Language Teaching, vol. 52 no. 2, pp. 145 – 153.
Plakhotnik, O., 2022. On the Limits of Speakability: Debates on Homonationalism and Sexual Citizenship in Post-Maidan Ukraine. Feral Feminisms, vol. 11, pp. 51 – 68.
Plakhotnik, O., Mayerchyk, M., 2025. Pride Contested: Geopolitics of Liberation at the Buffer Periphery of Europe. lambda nordica, pp. 1 – 28.
Quo Vadis, Ukrainian Studies?
Alina Strzempa, PhD
ORCID iD: 0009-0003-3536-9107
University of Regensburg
Institute of Slavic Studies
Regensburg, Germany
E-mail: alina.strzempa@ur.de
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